Ein Ruf nach Menschlichkeit


Am Anfang war die Natur. Die Erde entstand vor rund vier Milliarden Jahren und hat seither eine unglaubliche Vielfalt von Lebensformen und Ökosystem kreiert, genährt und wieder zerstört. Den modernen Menschen – Homo sapiens – brachte sie vor 100 bis 200‘000 Jahren hervor, welcher zwischen 45‘000 und 25‘000 Jahren vor heute Westeuropa erreichte. Für tausende von Jahren lebten unsere Vorfahren in kleinen Gruppen als Teil der Natur, indem sie erst wilde Pflanzen und Tiere sammelten und jagten und später Ackerbau betrieben. In dieser Zeit verstanden sich die Menschen nicht getrennt von der Natur, denn der Mensch war Natur. Sie waren eng mit ihr verbunden und lebten in ihrem Rhythmus.

Bis 4‘500 Jahre vor heute verehrten die Menschen in Europa die Erde als Muttergöttin, die Leben erschafft, zerstört und wiedergebärt. Die Mutter bildete das Zentrum der Familie. Durch die Einwanderungswellen der indoeuropäischen Kultur, wurden einige Attribute der Muttergöttin von den neuen vorwiegend männlichen Göttern übernommen und der Vater wurde das neue familiäre Zentrum. Das neue Pantheon beherbergte jedoch weiterhin mächtige Göttinnen.

Die Verbannung der Frau aus dem religiösen und gesellschaftlichen Leben geschah erst nach der Verbreitung des Christentums in Europa. Um die Macht der stark verwurzelten Göttinnen und Götter der sogenannten „Heiden“ zu brechen, wurden sie zu christlichen Heiligen umgewandelt oder von mächtigen und weisen Erschafferinnen und Erhalter des Lebens zu Figuren in Kindermärchen, bösen Geistern oder Satan höchst persönlich denunziert. Es entstand eine wertende Unterteilung von Gegensätzen in gut oder böse. Hell oder dunkel, stark oder schwach, aktiv oder passiv, hart oder weich, rational oder emotional…männlich oder weiblich. Um die unantastbare Macht der männlich-christlichen Dreifaltigkeit zu zementieren, wurden die als «gut» bewerteten Qualitäten als «männlich» und die als «böse» bewerteten Qualitäten als «weiblich» definiert. Ein Mann hatte stark, rational und bestimmend zu sein. Eine Frau schwach, emotional und unterwürfig. Ein Wertesystem, dessen Auswirkungen wir heute noch allzu schmerzlich spüren.

Im Vergleich zur Menschheitsgeschichte währte die Unterdrückung der Frau nur kurz. Doch sie war so systemisch und gründlich, dass auch Mädchen des 21. Jahrhunderts sich als Prinzessinnen sehen, die darauf warten, von einem Prinzen gerettet zu werden. Es gibt aber auch eine Gegenbewegung. In den letzten Jahrzehnten erkämpften sich die Frauen Europas mehr Rechte und Freiheiten als sie in den letzten tausend Jahren je besassen. Kritische Stimmen an der toxischen Männlichkeit des weiss-patriarchalischen Weltsystems werden laut und der Ruf nach Weiblichkeit wird immer lauter.

«Die Wolfsfrau», «Wilde Weiblichkeit», «Gelebte Weiblichkeit», «Entdecke die Göttin in dir» sind nur einige Buchtitel, die sich immer grösserer Beliebtheit erfreuen. Frauen werden dazu aufgefordert allein oder in Frauenkreisen ihre emotionale, nährende und intuitive Seite, für die sie immer belächelt wurden, auszuleben und sich auch zu getrauen ihre «männlichen» Seiten zu zeigen. Mit einer Welle von «weiblicher» Energie soll die Welt zu einem besseren Ort gemacht werden.

Das daoistische Symbol von Yin und Yang ist mittlerweile auch in Europa wohl bekannt und fordert zu einer neuen Denkweise auf. Statt des trennenden schwarz oder weiss soll das integrierende schwarz und weiss gelten. Analog zum schwarzen Punkt im Weiss und dem weissen Punkt im Schwarz sprechen viele Autoren vom inneren Mann einer Frau und der inneren Frau eines Mannes, welche akzeptiert werden müssen, um ganz zu sein. Gleichzeitig entsteht in der Frauenbewegung eine immer deutlicher wahrnehmbare Strömung der toxischen Weiblichkeit, die eine Umkehrung der Geschichte und eine Unterdrückung der Männer zu Gunsten der Frauen fordert.

Auch in meinem Bücherregal steht mehr als ein Buch zum Thema Weiblichkeit, auch ich bin rege Teilnehmerin in Frauenkreisen und auch ich bin für einen radikalen Systemwechsel. Doch ich bin entschieden gegen die Unterdrückung der Männer. Die patriarchalische Gesellschaft, in der wir leben hat nicht nur die Frauen unterdrückt. Unter ihr litten und leiden auch alle Menschen, die nicht aus Europa stammen und auch alle Männer, deren «gute, männliche» Yang-Qualitäten nicht so stark ausgeprägt sind, wie es die Gesellschaft fordert.

In Frauenkreisen wird gerne behauptet, dass Frauen intuitiver seine als Männer und ein feineres Gespür haben. Doch haben wir das wirklich? Das Wissen um Intuition, Magie, die Zyklen der Natur und das Geheimnis von Leben-Tod-Wiedergeburt wurden erst von der Kirche und später von der Wissenschaft dämonisiert, lächerlich gemacht und verdrängt. Das gleiche Schicksal also, das die Frauen erfuhren. Beide waren in der Gesellschaft unsichtbar und Frauen war es sogar nur erlaubt schwach, feinfühlig und emotional zu sein. Das mächtige Wissen, das der Obrigkeit gefährlich werden konnte, wurde in den Jahrhunderten der Hexenverbrennung eliminiert und die Kraft des weiblichen Menstruationszyklus wurde als göttliche Strafe und Ursünde stigmatisiert. Doch eines konnte die Gesellschaft den Frauen nicht nehmen, das Wunder der Geburt. Frauen gebaren Kinder und pflegten die Alten. Bewusst oder unbewusst kamen die meisten Frauen in Kontakt mit dem ewigen Zyklus des Werdens und Vergehens. Früher war die Geburt eines Kindes oft die einzige Möglichkeit einer Frau, diese Kraft zu erfahren und etwas in die Welt zu bringen. Heute bestimmen wir selbst über unsere Körper und haben die Wahl ein Kind, einen Roman, ein Bild oder eine eigene Firma zu gebären.

Lange galten menstruierende und gebärende Frauen als unrein und jedem Mann wurde empfohlen, sich von solchen Frauen fernzuhalten. Erst seit den 70er Jahren dürfen Väter im Spital bei der Geburt dabei sein. Männern wurde also jeglicher Zugang zur Intuition und der inneren Stimme versagt. Ein feinfühliger und emotionaler Mann, der sich lieber Kindern, Alten oder der brotlosen Kunst widmete, als männlichen Tätigkeiten wie der Jagd, dem Kampf oder der Wissenschaft nachzugehen, galt (gilt?) als Versager auf der ganzen Linie, denn was war (ist?) schon schlimmer als ein «weiblicher» Mann?! Sind Männer wirklich weniger intuitiv als Frauen oder wurden sie vielleicht durch gesellschaftliche Normen noch weiter von ihrer Intuition abgeschnitten als sie? Und macht sie das wirklich zu schlechteren Menschen?

Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, desto mehr sind mir die Begriffe Weiblichkeit und Männlichkeit zu wider. Jedes Mal, wenn ich in einem Buch über Weiblichkeit zum Kapitel des inneren Mannes komme, sträubt sich alles in mir zu akzeptieren, dass ein kleiner Mann in mir wohnt, der mir zur Hilfe eilt, wenn mir die grosse böse Welt zu sehr zusetzt. Bin ich so nicht immer noch Dornröschen, die auf ihren Prinzen wartet? Sind wir nicht einfach alles Menschen, die ihr Wesen frei von Stereotypen ausleben möchten?

Albert Einstein brachte es auf den Punkt, als er sagte: «Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.» Solange wir von unterdrückten weiblichen Qualitäten und dominierenden männlichen Qualitäten sprechen, sind wir in dem Denkmuster des Christentums gefangen. Das «und» statt dem «oder» ist eine gute Sache, doch es stellt immer noch eine Trennung der Gegensätze dar. Mir viel es wie Schuppen von den Augen, als ich hörte, dass es auf Chinesisch weder Yin oder Yang noch Yin und Yang heisst. Das Symbol wird Yinyang genannt und es zeigt nicht zwei Hälften, es zeigt eine Einheit. Es gibt kein weiblich und männlich, es gibt nur menschlich.

Deshalb rufe ich auf zu mehr Menschlichkeit. Zu ganzen, heilen Menschen, die schwachstark, weichhart und rationalemotional sind und das alles aus ihrem tiefsten inneren Selbst hinaus. Liebe Frauen, liebe Männer, lasst uns die Geschichte nicht wiederholen. Lasst uns vorwärtsgehen und gemeinsam eine neue Zukunft erschaffen, eine Zukunft der Einheit, eine Zukunft der Menschlichkeit.

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